Emotionen, Gefühle und Empathie, die Verwirrung durch Sprache

Inspiriert vom ersten Kommentar unter dem heutigen Artikel von http://quergedachtes.wordpress.com/2013/03/10/autismus-emotionen-haben-ist-nicht-schwer/ möchte ich meine eigenen Gedanken zu dem Thema schildern.

Ich finde die Bilder, mit denen die Person, die dort beschrieben wird,  ihre Gefühle beschreibt, erheblich exakter, als die üblichen Bezeichnungen. Das hat mich schon als Kind verwirrt, konnte ich doch beobachten, das ganz unterschiedliche Reize bei anderen Menschen, für mich kurioserweise, ähnliche beobachtbare Reaktionen auslösten, die mit bestimmten Worten benannt wurden. Und zwar mit Worten, die nach meiner Wahrnehmung ärgerlich unexakt waren.Der Zusammenhang zwischen Reiz und Reaktion, war für mich, als Kind durchaus nicht immer ersichtlich und ist es manchmal bis heute nicht. Für mich besteht ein Gefühl immer aus einem Satz an auslösenden Reizen, Grundstimmung und Interaktion.

Sprich: mich verwirrte die Frage eines Gegenübers, ob ich „wütend“ sei, eher, als sie mir zu Klarheit verhalf, berücksichtigte die Frage doch 3/4 des Sachverhaltes (eben wodurch, wie lange, wie intensiv, ob nur in mir selbst, z.B. weil mir etwas nicht gelingen wollte, oder aufgrund der Interaktion mit einem Mitmenschen)  nicht angemessen präzise. Und auch für mich war die Aussage, das jemand „traurig sei“ unvollständig, da mir ja nicht mitgeteilt wurde, warum.

Zusätzlich war es erlaubt die beobachtbare Wahrnehmung mancher Gefühle bei anderen Menschen anzusprechen, die anderer (für mich) ebenso beobachtbarer Gefühle aber nicht.Und auch bei der Äußerung meine eigenen Gefühle, wurde ich beständig verwirrt, in dem manchmal der Ausdruck eines Gefühls akzeptiert wurde, und in einem anderen Zusammenhang die Äußerung des gleichen Gefühls als sozial ungangemessen bewertet wurde.

Es wäre, für mich als Kind, ausgesprochen hilfreich für mich gewesen, damals schon mal was von Theory of Mind gehört zu haben. Ich glaube nämlich nicht so wirklich an die These, das Autisten die Gefühle anderer nicht wahrnehmen können, ich glaube das eine feinere Wahrnehmung (Stichwort: Intense World Theory) im Laufe der frühen Sozialisation, dazu führt, das Konfusion entsteht.

Aber gehen wir erst mal auf die Suche, nach der Definition der Wörter:

Schon beim Wort Gefühl streikt wikipedia und gibt mir eine Vielfalt von Möglichkeiten zur Auswahl, vor der ich einen Moment  lang verwirrt und sprachlos sitzen bleibe.

http://de.wikipedia.org/wiki/Grundgef%C3%BChl

http://de.wikipedia.org/wiki/Emotion

Spätestens nach der Lektüre des zweitens Wikipedia Artikels, ist meine Sprachverwirrung, wie so oft, wenn es um Gefühle geht,  mal wieder komplett und ich entscheide mich dazu, die Definition zu verwenden, die auch Quergedachtes in seinem Artikel als gemeinsame sprachliche Basis definiert hat:

„Wissenschaftlich gesehen ist eine Emotion eine psychologische und physiologische Reaktion auf eine bewusste oder unbewusste Wahrnehmung einer Situation oder eines Objektes. Einfach ausgedrückt: Wir nehmen etwas bewusst oder unbewusst wahr und reagieren sowohl körperlich als auch mit unserer Psyche darauf. Als Gefühl bezeichnet man dann die „gefühlte“ Wahrnehmung dieser Reaktionen.“

Jeder Mensch, egal ob Autist oder NA, lernt im Laufe seiner Kindheit mit dem Spracherwerb (und dabei ist es, meiner Meinung nach, egal ob der aktiv zweiseitig oder nur einseitig passiv erfolgt, wie man am eindrucksvollem Beispiel von http://www.youtube.com/watch?v=pAgpyfn7kkQ , Carly Fleischmann – mit deutschen Untertiteln, einer nonverbalen Autistin sehen kann) die Wahrnehmung von Emotionen, zuerst bei sich, später je nach Wahrnehmung eben auch bei den Bezugspersonen,  das wahrgenommene Gefühl mit bestimmten Worten seiner Muttersprache zu verknüpfen.

Hypothese:

Wenn ein Kind aber, auf der einen Seite eine wesentlich feiner? schneller?  getaktete Wahrnehmung hat und auf der anderen Seite, die NA Bezugspersonen nur die Hälfte, oder noch weniger an Input von Seiten des Kindes, bewusst wahrnehmen, und gleichzeitig ebenfalls, nicht alle ihre eigenen Emotionen auch bewusst wahrnehmen, kann das, meiner Meinung nach, auf beiden Seiten, nur zu erheblicher Verwirrung und Fehlschlüssen bezüglich der Begrifflichkeiten führen.

Ein Beispiel, was immer gern zitiert wird, ist das dass „Soziale Lächeln“ angeblich angeboren ist. Dem stehen aber diese Forschungsergebnisse hier klar entgegen: http://www.3sat.de/page/?source=/wissenschaftsdoku/sendungen/161504/index.html

„Die Babys der Bara zeigen ein noch unglaublicheres Mimik-Phänomen: Sie lächeln im ersten Lebensjahr nicht und lernen es erst später im Spiel mit älteren Geschwistern. Ganz anders als bei uns vermeiden die Mütter den direkten Blickkontakt und belohnen nicht jeden Fortschritt mit einem Lächeln. Leistung ist für die Kleinen egal – und viel Hautkontakt sorgt für Zufriedenheit. “

Ganz offensichtlich scheint, dieses als im Europäischen Kulturkontext als angeborenes und damit, wenn fehlend, als Zeichen für eine frühe Fehlentwicklung gedeutete Verhalten, weit weniger angeboren zu sein, als ursprünglich angenommen.

Mir fehlen bei der, von der Forschung behaupteten, und dem Trivialjournalismus so gerne abgeschriebenen, angeblichen Empathieunfähigkeit auch immer die Versuche, wo Autisten eben mal nicht gegen ein NA Klientel getestet werden, sondern gegen andere Autisten.

Wo findet man die Versuche, in denen NA die Gesichter von Autisten deuten müssen? Wo ist der Test, der einer NA Testperson abverlangt, ein Gefühl z.B. von der Darstellung der Mundpartie (analog zu diesen Augenpartietests in denen ich meistens keine der 4 vorgegebenen Antwortmöglichkeiten wählen würde) ohne Augen abzulesen?

Ich habe persönlich einige Erfahrungen gemacht, die mich zu dieser Theorie gebracht haben:

Zum einen,  war meine (pur ADHS und laut KJP hyperempathische) Tochter des öfteren bei den real life Treffen mit anderen diagnostizierten Autisten ganz verschiedenen Alters dabei, und hatte ebenfalls Schwierigkeiten, deren angeblich fehlende Mimik zu entdecken, sie bemerkte nur als Rückmeldung, das die von ihr beobachtete Mimik „leiser, feiner, schneller“ war.

Im Gegenzug war mir als Mutter schon früher bewusst, das meine Tochter, im Gegensatz zu mir, die Gefühle an anderen Menschen auch während der aktiven Beteiligung an einer Unterhaltung, wahrnehmen konnte und zwar erheblich detaillierter als ich selbst, die das nur schafft, wenn ich in einer reinen Beobachterposition bin.

Sobald ich selbst aktiv an einer Unterhaltung beteiligt bin, ist die Geschwindigkeit oder vielleicht der zusätzliche Aufwand an bewusster Konzentration, die ich aufwenden muss, um überhaupt zu erkennen, wann ich sprechen darf, über was und wie lange, so groß, das die Genauigkeit der passiven Wahrnehmung der beobachtbaren Gefühle meines Gegenübers zumindest nachlässt.

Unter Umständen, wenn da grade ein Thema berührt wird, was mich extrem interessiert (Stichwort  http://realitaetsfilter.com/tag/spezialinteressen/ ) und/oder was eine intensive Gefühlsreaktion bei mir auslöst, muss mein Gegenüber dann schon ziemlich massiv werden, um mich dann zum Schweigen zu bringen.

Zum anderen hatte ich mit meiner Tochter,  einige ausgesprochen interessante Sitzungen mit einem (fachlich in seinem Gebiet durchaus kompetenten und erfahrenen) älteren  NA Erziehungsberater, der allerdings von ADHS und AS keine Ahnung hatte.

Im Laufe dieser Sitzungen ergaben sich etliche Situationen, wo eine Interaktion, die Wahrnehmung der Mimik eines Gefühls, die meine Tochter durchaus korrekt wahrgenommen hatte, die aber von dem Berater völlig falsch interpretiert wurden.

Zunächst waren wir beide verärgert, aber als diese Missverständnisse öfter passierten und sich ein Muster zu ergeben schien, zunehmend auch fasziniert von dieser Tatsache; und gewöhnten wir uns an, nach den Sitzungen noch einen Kaffee trinken zu gehen, und unsere Beobachtungen zu vergleichen.

Und ohne Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, erschien es uns so, als ob zumindest eine mögliche Antwort, auf  die Quelle der entstehenden Kommunikationsschwierigkeiten, in einem Zeitfaktor lag.

Von einer komplexen Mischung an Emotionen und von uns bewusst dazu wahrgenommenen Gefühlen, bekam der gute Mann, nicht mal die Hälfte mit, wertete sie dann auch noch nach NT Maßstäben (grade was z.B. Köpersprache und Augenkontakt angeht) und lag dann im Ergebnis komplett meilenweit daneben.

Und was mich ungemein interessieren würde:

http://www.stern.de/wissen/mensch/verhaltensforschung-erst-wird-geholfen-dann-geteilt-1708406.html

funktioniert dieser Versuch auch, wenn auf der einen Seite ein  Schimpanse und auf der anderen ein Bonobo sitzt?

http://de.wikipedia.org/wiki/Schimpansen

Die Schimpansen (Pan) sind eine Gattung aus der Familie der Menschenaffen (Hominidae). Schimpansen sind die nächsten lebenden Verwandten des Menschen und bewohnen das mittlere Afrika. Die Gattung teilt sich in zwei Arten, den Gemeinen Schimpansen (Pan troglodytes) und den Bonobo oder Zwergschimpansen (Pan paniscus).

Also eine Gattung, mit zwei Arten, die sich ganz erheblich bezüglich ihres Sozialverhaltens, aber nur minimal bezüglich ihres Aussehens, unterscheiden:

http://de.wikipedia.org/wiki/Gemeiner_Schimpanse#Sozialverhalten

http://de.wikipedia.org/wiki/Bonobo#Sozialverhalten

Ich habe beim über den Tellerand schauen in die Primatenforschung, nämlich noch ein interessantes Bruchstück gefunden:

http://www.stern.de/wissen/mensch/wahrnehmung-gesichtserkennung-klappt-nur-unter-artgenossen-1577844.html

Mein persönlicher Held auf dem Gebiet der Mimikforschung ist natürlich, neben Sammy Molcho mit seinen Arbeiten zur Körpersprache, seitdem ich das erste Mal „Lie to me“ gesehen hatte, das reale Vorbild zur Serie:  Paul Ekman, hier findet man eine sehr interessante Sendung zum Thema Mimik und Gesicher lesen können:

http://www.3sat.de/mediathek/index.php?display=1&mode=play&obj=29865

Grade dieses Konstrukt des „thruth wizzard“ fasziniert mich, ich glaube allerdings nicht daran, das es nur 50 von denen weltweit gibt, ich würde eher vermuten, das eine beträchliche Menge natürlicher „“thruth wizzard´s“ sich derzeit hinter den Diagnosen ADHS und AS  befinden, nicht wissend, das die Wahrnehmungen von denen man ihren als Kinder erzählt hat, das sie nicht stimmen, völlig korrekt waren und ihre Bezugspersonen eigentlich die mit den verdrängten Gefühlen, unterhalb ihrer eigenen Bewußtseinschwelle und der mangelhaften Wahrnehmung waren.

Klarheit über meine Thesen würde wohl nur eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Verhaltensforschern die mit Primaten (da wirklich speziell diejenigen die mit Schimpansen und Bonobos arbeiten, weil man da auch erste Verschiedenheiten z.B bezüglich der Ausschüttung von Testosteron gefunden hat) arbeiten, Spezialisten wie Ekman und den führenden Forschern auf dem Gebiet von Autismus und ADHS bringen.

 

 

 

 

 

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